Im Sommer 2014 habe ich auf einem Großobjekt im öffentlichen Dienst gearbeitet. Dort war ich insgesamt zufrieden, es gab jedoch zwei große Probleme: ein ungünstiges Schichtmodell mit verschiedenen unregelmäßigen Arbeitszeiten und den weiten Arbeitsweg. Die Arbeit an sich hat mir sehr gefallen und auch das Großobjekt war modern. Der tägliche Umgang mit Menschen vor Ort machte Spaß. Dennoch war diese Arbeitsstelle auf Dauer für mich unwirtschaftlich und auch die unterschiedlichen Anfangszeiten machten mir ordentlich zu schaffen. Mal musste ich um vier Uhr in der Früh beginnen, mal um fünf, um sechs und dann wieder nachmittags um 14 Uhr. Ich hatte ständig Schlafprobleme und konnte so nicht weiter machen. Also habe ich mir einen neuen Job in der Stadt oder zumindest in der Nähe gesucht. Wie es mir nach dem Bewerbungsgespräch ergangen ist, darüber schreibe ich in diesem Blogartikel.
Personalmangel im Wachgewerbe
Der Personalmangel im Wach- und Sicherheitsgewerbe war bereits damals allgegenwärtig und machte sich in vielen Bereichen deutlich bemerkbar. Zahlreiche Sicherheitsunternehmen suchten permanent nach neuen Mitarbeitern, weil offene Stellen oft über lange Zeit nicht besetzt werden konnten. Besonders betroffen waren abgelegene Einsatzorte, an denen viele Bewerber gar nicht erst arbeiten wollten oder mangels eines Führerscheines oder eigenen Kraftfahrzeuges nicht konnte. Wer einigermaßen zuverlässig erschien und die notwendigen Voraussetzungen mitbrachte, hatte gute Chancen, sehr schnell eingestellt zu werden. Teilweise verlief der Einstieg in die Branche beinahe übergangslos: Bewerbungsgespräch, kurze Einweisung und wenige Stunden später stand man bereits im Dienst.
Für die vorhandenen Mitarbeiter bedeutete dieser Personalmangel allerdings oft zusätzlichen Druck. Dienstpläne wurden kurzfristig geändert, freie Tage fielen aus und spontane Einsätze gehörten zum Alltag. In manchen Firmen war die Situation so angespannt, dass eine gründliche Einarbeitung kaum möglich war, weil schlichtweg die Zeit und das Personal dafür fehlten. Hauptsache, die Position am Objekt war besetzt und der Auftrag konnte erfüllt werden. Gerade Berufsanfänger wurden dadurch häufig direkt ins kalte Wasser geworfen und mussten Verantwortung übernehmen, obwohl sie die Abläufe noch gar nicht vollständig kannten. Das zeigte deutlich, wie groß die strukturellen Probleme im Sicherheitsgewerbe vielerorts bereits geworden waren.
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Der Einsatzleiter war sehr überfordert
Nachdem ich mich bei diesem mittelständischen Unternehmen beworben hatte, wurde ich nach einigen Tagen in die Geschäftsräume im Münchner Westen eingeladen. Das Büro befand sich in der Nähe einer S-Bahn-Station mit vielen Geschäften. Ich habe selbst viele Jahre dort gewohnt und kannte diese Gegend sehr gut. Das Büro der Sicherheitsfirma war etwas versteckt und nicht auf Anhieb zu finden. Ich suchte lange nach der Klingel, betätigte diese und die Tür ging auf. Im Gang fand ich aber nicht sofort das Büro, da die Gänge in mehrere Richtungen verliefen.
Ich musste im Büro anrufen, da ich die Tür nicht fand und auch nichts ausgeschildert war. Der Einsatzleiter, der mich erwartete, erklärte mir den Weg zum Büro und in diesem Moment dachte ich mir: „Kann er nicht einfach mal kurz hinauskommen, das wird wohl nicht so schwer sein?“ Irgendwie fand ich doch den Eingang zur Firma und war endlich angekommen. Obligatorisch wurde mir der Personalbogen ausgehändigt, den ich im Warteraum ausgefüllt hatte. Nach zehn bis fünfzehn Minuten rief mich der junge Einsatzleiter zu sich ins Büro und das Vorstellungsgespräch hatte begonnen.
Der Einsatzleiter war sehr kompetent, eloquent und machte durchaus einen guten Eindruck. Er war ein paar Jahre jünger als ich, aber gerade mal seit zwei Jahren im Wachgewerbe und war keine Fachkraft. Er hatte sich aber schnell zum Einsatzleiter hochgearbeitet und musste in diesem Sommer 2014 den hohen Personalmangel managen. Keine leichte Aufgabe. Egal wo man hinschaute, in jedem Sicherheitsunternehmen fehlte qualifiziertes Personal. Die Situation hat sich bis heute nicht gebessert und wird es vermutlich auch nie.
Mir ist sofort aufgefallen, dass der Einsatzleiter sehr überfordert war. Wir konnten uns nicht unterbrechungsfrei und in Ruhe unterhalten. Ständig klingelte das Telefon, er musste mit Mitarbeitern auf Objekten Probleme klären oder Kundenanrufe entgegennehmen. Das Problem war, dass er alleine war und alles selbst stemmen musste. Ob ein zweiter Einsatzleiter oder ein Stellvertreter vorgesehen war, das konnte ich nicht sagen, es war aber definitiv so, dass er mit sämtlichen Aufgaben gnadenlos überfordert war. Er musste das Tagesgeschäft erledigen und nebenbei noch Bewerbungsgespräche führen und neues Personal einstellen.
Der Zweck von Vorstellungsgesprächen
Wie der Name bereits sagt, dienen Vorstellungsgespräche dazu, sich selbst als Bewerber vorzustellen, das Unternehmen kennenzulernen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Gute und organisierte Unternehmen teilen das Bewerbungsverfahren in mehrere Gespräche auf. So wird nichts überstürzt und es werden keine voreiligen Entscheidungen getroffen. Das gilt natürlich für beide Seiten. Sowohl das Unternehmen als auch der Bewerber haben genug Zeit, sich ein Bild vom Gegenüber zu machen und sich gründlich zu überlegen, ob eine Zusammenarbeit infrage kommt. Ein Jobwechsel sollte eine langfristige Entscheidung sein.
Nicht so im Wachgewerbe. Sowohl im Jahr 2014 als auch heute im Jahr 2026 ist der Personaldruck in vielen Unternehmen dermaßen hoch, dass teilweise gar keine Vorstellungsgespräche stattfinden. Der Bewerber wird anhand seiner eingereichten Unterlagen für geeignet erklärt und in die Firma eingeladen. Es findet aber kein Bewerbungsgespräch statt, es wird gleich der Arbeitsvertrag unterschrieben und die Kleidung ausgehändigt. Meistens oder sehr oft wird man entweder noch am selben Tag eingesetzt. Im Jahr 2016 hatte ich mich bei einer Firma beworben, bei der ich nach einem kurzen Telefongespräch ins Büro zur Vertragsunterzeichnung und Einkleidung eingeladen wurde.
Bei dieser Firma habe ich natürlich nicht angefangen, weil ein solches Einstellungsverfahren für mich gleich mehrere „Red flags“ enthält und nicht seriös ist. Ich möchte nicht einfach so blind die Katze im Sack kaufen, sondern das Unternehmen im persönlichen Gespräch kennenlernen und mir ein Bild machen. Ich möchte Fragen stellen und mir die Arbeitsstelle vor Ort anschauen. Ich möchte auch eine Bedenkzeit von ein paar Tagen, bevor ich mich für das Unternehmen entscheide. Zumindest möchte ich eine Nacht darüber schlafen. Das sind keine überzogenen Forderungen, sondern Mindestansprüche, die man von einem seriösen Unternehmen erwarten kann.
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„Könnten Sie gleich heute die Nachtschicht übernehmen?“
Im Verlauf meines Gespräches habe ich gesehen, dass der Einsatzleiter sehr viel Druck hatte und selbst Schichten auf Objekten übernehmen musste. Meine Situation in diesem Moment war so, dass ich nicht besonders wählerisch war und mir das Unternehmen und die angebotene Stelle zugesagt hatte. Auch wenn einige Dinge wie die Organisation chaotisch waren und das Unternehmen nicht den besten Eindruck machte. Ich hatte aber bereits meine alte Stelle gekündigt und es musste ein neuer Job her. Viel Spielraum hatte ich nicht. Ich hätte auf ein paar Tagen Bedenkzeit bestehen können, aber ich sagte im Gespräch zu und wir gingen gleich zur Vertragserstellung.
Ich hatte alle relevanten Unterlagen für die Erstellung des Arbeitsvertrags dabei und so wartete ich darauf, dass der Einsatzleiter den Vertrag fertigstellt, während bei ihm im Büro das Telefon alle paar Minuten klingelte. Irgendwo tat er mir leid, irgendwo aber auch nicht. Ich hätte an seiner Stelle die Vorgesetzten und die Geschäftsführung so lange genervt, bis ich Unterstützung bekam. Nach einigem Hin und Her bekam ich meinen Arbeitsvertrag, wurde gleich vor Ort eingekleidet und war praktisch einsatzbereit. Dann erklärte er mir, dass er normalerweise die heutige Nachtschicht selbst machen müsste, weil er am Objekt wenig Personal hat. Er fragte mich, ob ich gleich heute die Nachtschicht übernehmen kann.
Natürlich ging mir das zu schnell und ich hatte erwartet, dass ich erst am nächsten Tag mit der Arbeit beginne. Aufgrund seines freundlichen Auftretens und seiner Situation ließ ich mich überreden und sagte zu. Ich dachte mir, was habe ich schon zu verlieren. Die einzige Bedingung, die ich wiederum hatte, war die, dass ich erst nach Hause fahre und mir passende Schuhe hole. Für ihn war das in Ordnung und so habe ich das erste Mal in meiner Zeit im Sicherheitsgewerbe aus dem Vorstellungsgespräch heraus eine Schicht übernommen. Da ich unvorbereitet und ohne vorher etwas zu schlafen, in die Nachtschicht gegangen bin, war diese entsprechend hart und ich hatte Mühe, mich wach zu halten.
Vom Bewerbungsgespräch in die Nachtschicht – Fazit
Rückblickend war dieser Tag ein gutes Beispiel dafür, wie chaotisch und improvisiert das Wachgewerbe teilweise funktionieren kann, wenn akuter Personalmangel herrscht. Eigentlich sollte ein Vorstellungsgespräch beiden Seiten die Möglichkeit geben, sich kennenzulernen und in Ruhe über eine Zusammenarbeit nachzudenken. In der Sicherheitsbranche sieht die Realität jedoch oft anders aus. Der Druck, offene Schichten zu besetzen, ist vielerorts so groß, dass Bewerber teilweise unmittelbar nach der Vertragsunterzeichnung eingesetzt werden. Genau das habe ich damals selbst erlebt.
Trotz aller chaotischen Abläufe war diese Erfahrung für mich lehrreich. Sie hat mir gezeigt, unter welchem organisatorischen und personellen Druck viele Einsatzleiter und Sicherheitsunternehmen stehen. Gleichzeitig habe ich daraus gelernt, wie wichtig es ist, sich trotz Zeitdruck nicht zu unüberlegten Entscheidungen drängen zu lassen. Denn gerade im Sicherheitsgewerbe sollte Professionalität nicht nur am Objekt gelten, sondern bereits beim ersten Kontakt mit neuen Mitarbeitern beginnen.
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