Meine Arbeit als Security [Teil II]

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Im Teil I der Artikelreihe über meine Arbeit im Wachgewerbe habe ich darüber berichtet, wie ich Ende 2000 meinen ersten Job in einer Detektei bekam und an der Tür eines Kaufhauses in der Münchner Innenstadt stand. Noch ohne irgendeine Schulung oder die gesetzlich vorgeschriebene Unterrichtung nach Paragraph 34 a Gewerbeordnung. Anfang 2001 bekam ich den ersten Job in der Baustellenbewachung und war nun ein Wachmann, der ausschließlich nachts gearbeitet hatte. Bald hatte ich die Unterrichtung nach § 34 a GewO in der Tasche und drehte weiterhin meine Runden nachts auf der Großbaustelle. Um zu erfahren, wie die Geschichte ausging, schaut gerne im Teil I der Artikelreihe nach. Hier geht es mit dem zweiten Teil weiter.

Neuer Job auf einem Großobjekt

Nach der Kündigung bei meinem Arbeitgeber, bei dem ich in der Baustellenbewachung eingesetzt war, meldete ich mich Ende 2001 arbeitssuchend bei der Agentur für Arbeit (damals Bundesanstalt für Arbeit). Trotz der Kündigung zog ich eine positive Bilanz und war zufrieden. Ich hatte die Unterrichtung nach § 34 a absolviert und mehrere Monate Berufserfahrung als Security hinter mir. An sich gute Voraussetzungen an denen ich bauen konnte. Die Arbeitssuche dauerte nicht lange. Ich bewarb mich bei einem Großunternehmen der Sicherheitsbranche, welches auf einem Großobjekt für Sicherheit gesorgt hatte.

Endlich kam für mich der große Wurf, die lang ersehnte Chance auf berufliche Weiterentwicklung als Security. Ich wurde Ende Februar 2002 als Werkschutzkraft eingestellt, so lautete die Bezeichnung in meinem Arbeitsvertrag. Das zu bewachende Objekt war mit den Objekten, an denen ich davor eingesetzt war, nicht zu vergleichen. Es war ein riesiger Bau mit mehreren Toren und Empfängen. Mit einer modernen Sicherheitszentrale und einer umfangreichen technischen Ausstattung, wie ich sie davor noch nicht gesehen habe. Mein nächtliches „Runden drehen“ und „stechen“ hatte ein Ende. Hier wurde man gefordert.

Ich wurde zunächst im Empfangsdienst eingewiesen. Dort passierten täglich mehr als 1000 Menschen, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und Besucher. Hier waren PC-Kenntnisse ein Muss, man hatte im Schnitt über 100 Besucherausweise täglich zu erstellen. Englischkenntnisse waren sehr von Vorteil, da man sehr oft mit internationalen Gästen zu tun hatte. Im Verlauf meiner neuen Tätigkeit lernte ich immer mehr über die Organisation eines Großunternehmens und die interne Kommunikation zwischen verschiedenen Abteilungen. Als Security war man das Bindeglied zwischen den Fachabteilungen. Den internen Diensten wie Haustechnik, Catering, Reinigung und den Vorstandsfahrern.

Die Organisation aller eingesetzten Sicherheitsmitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Empfangskräfte war strukturiert und durchorganisiert. In der Baustellenbewachung war ich alleine am Objekt und hatte die Notruf- und Service-Leitstelle als ersten Ansprechpartner. Hier gab es eine Objektleitung, pro Schicht einen Schichtleiter, einen NSL-Mitarbeiter, einen Alarmverfolger bzw. Interventionskraft (IK) sowie Empfangspersonal und Mitarbeiter im Tor- und Pfortendienst. Alles in einem, für mich eine Menge Erfahrung in kurzer Zeit.

Erste Schulungen: Die Werkschutzlehrgänge I und II

Nach einigen Monaten und ersten Erfahrungen auf einem anspruchsvollen Großobjekt hatte mich im Sommer 2002 mein Arbeitgeber für die Werkschutzlehrgänge I und II angemeldet. Es waren wertvolle Maßnahmen, die mich fachlich weiter bringen würden, als meine vorhergehende Tätigkeit in der Security. Die Werkschutzlehrgänge würden meine erste Qualifizierungsmaßnahme in der Security werden und mir neue Türen öffnen. Der Kunde verlangte nämlich den Werkschutzlehrgang II als Mindestqualifikation. Ab dem Werkschutzlehrgang III konnte ich zur Interventionskraft (IK) aufsteigen und somit auch als Stellvertreter in der NSL eingesetzt werden.

Ich hatte mich sehr auf die einwöchigen Lehrgänge gefreut, die durch den Bayerischen Verband für Sicherheit in der Wirtschaft (BVSW) in den Räumen eines Großkonzerns aus München abgehalten wurden. Wie zuvor bei der Unterrichtung hatten wir in beiden Lehrgängen eine bunte Mischung an Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Sicherheitsfirmen. Der Hauptdozent war ein Geprüfter Werkschutzmeister, der in der Unternehmenssicherheit des Großkonzerns beschäftigt war. Ich habe ihn nach 25 Jahren wieder getroffen und ihn an diese Zeit erinnert. Er war sichtlich erfreut, dass sich jemand nach so langer Zeit an ihn und die Schulungen erinnern konnte.

Die Ausbildungsinhalte der Werkschutzlehrgänge I und II beinhalteten:

  • Rechtskunde: Einführung in die wichtigen Rechtsgebiete (GG, BGB, StGB, StPO und BetrVG). Im WS II Vertiefung der wichtigen Rechtsgebiete und Behandlung der GewO, SGB und wichtigen VBG’s.
  • Werkschutzdienstkunde: Einführung in die Aufgabengebiete des Werkschutzes (Tordienst, Wach- und Streifendienst). Vertiefung der Aufgabengebiete im WS II.
  • Technische Einrichtungen und Hilfsmittel: Behandlung wichtiger technischer Hilfsmittel wie Funkgeräte und Schließanlagen. Im WS II Behandlung der Alarmanlagen und Kontrollsysteme sowie verkehrstechnischer Geräte.
  • Grundsätze im Umgang mit Menschen: Einführung in die angewandte Psychologie im Werkschutz. Im WS II das richtige Verhalten in besonderen Situationen.

Leider muss man erwähnen, dass die Werkschutzlehrgänge nach demselben Prinzip wie die Unterrichtung nach § 34 a abliefen – es zählte die Anwesenheit. Dennoch muss man bedenken, dass die Zertifikate über die besuchten Lehrgänge dem Mitarbeiter einen höheren Lohn brachten. Die Lohntabelle im Lohntarifvertrag vergütet nach der Qualifikation, also nach dem besuchten Lehrgang. Da ist es sehr fraglich, ob jemand einen höheren Stundenlohn tatsächlich verdient, obwohl er nicht die volle Zeit im Unterricht anwesend war. So erhielt ich meine Zertifikate über die besuchten Lehrgänge I und II.

Die typischen Probleme des Objektschutzes

Je mehr die Zeit verging, desto mehr erkannte ich die typischen Probleme des Objektschutzes. An erster Stelle stand die Dienstplanung. Denn so ein Objekt hat nicht nur eine Pforte und einen Streifengänger. Mitarbeiter fallen krankheitsbedingt aus, der Urlaub muss geplant werden oder ganz plötzliche, privat bedingte Ausfälle müssen aufgefangen werden. Auch die Fluktuation spielt eine Rolle. Im Jahr 2002 war diese nicht im Ansatz mit der heutigen, hohen Fluktuation zu vergleichen.

Man entgegnet dem Problem in dem man versucht, die fehlenden Positionen durch Kollegen zu ersetzen, die gerade zum Zeitpunkt freihaben. Es werden auch Mitarbeiter angerufen, die sich im Urlaub befinden. Das ist sehr oft einfach nicht möglich, weil viele Kollegen verreist sind oder wichtige Termine haben. Denn aufgrund der Schichten von 12 Stunden täglich, ist es dem Mitarbeiter einfach nicht möglich nach Feierabend noch Termine zu erledigen.

Somit verlagert man die Termine in die freien Tage. Wenn man dann einen Telefonanruf bekommt, ob man Schichten übernehmen kann, so ist die Antwort meistens ein Nein. Diese Problematik führt in den meisten Fällen zu Konflikten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Arbeitgeber argumentiert damit, dass der Arbeitnehmer mehr Rücksicht und Hilfsbereitschaft gegenüber dem Unternehmen aufbringen sollte. Da er damit zur Erhaltung seines eigenen Arbeitsplatzes beisteuert.

Der Arbeitnehmer argumentiert damit, dass der Arbeitgeber mehr Rücksicht auf seine privaten Belange und seine Erholung nehmen sollte. Denn schließlich kann nur ein erholter und gesunder Mitarbeiter seine Arbeit qualitativ und zuverlässig erledigen. Dies sichert letztendlich den Auftrag und die Arbeitsplätze. Es sind aus objektiver Sicht beide Seiten zu verstehen und in den meisten Fällen findet notgedrungener weise ein Kompromiss statt. Dennoch führt die Dienstplanung immer wieder zu Spannungen.

Reform der Ausbildung in der Sicherheit

Im Jahr 2002 hörte ich zum ersten Mal davon, dass die Ausbildung in der Security reformiert wird. Es wird eine reguläre Berufsausbildung nach dem dualen System eingeführt. Der bisherige Abschluss zur Geprüften Werkschutzfachkraft IHK war seit 1982 als Fortbildung geregelt. Um diesen Abschluss zu erlangen, musste man einen beliebigen Ausbildungsberuf und zusätzlich zwei Jahre Berufspraxis in der Sicherheitsbranche vorweisen. Hatte man vorher keinen Beruf erlernt, so waren insgesamt sechs Jahre Berufspraxis notwendig, davon zwei in der Sicherheit.

Danach konnte man sich bei der Industrie- und Handelskammer anmelden und die Prüfung zur Geprüften Werkschutzfachkraft ablegen. Das war über Jahrzehnte der anerkannte Berufsabschluss in der privaten Sicherheit. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit den Abschluss zum Geprüften Werkschutzmeister abzulegen. Im Jahr 2002 wurde die Berufsausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit eingeführt. Sie sollte den Abschluss zur Geprüften Werkschutzfachkraft ersetzen. Dieser verliert seine Gültigkeit nicht, sondern erhält Bestandsschutz.

Zusätzlich wurde die Sachkundeprüfung § 34 a eingeführt. Der Gesetzgeber schrieb vor, dass für Tätigkeiten im öffentlichen Bereich eine Sachkunde nach § 34 a abzulegen ist. Diese war in Bereichen wie U-Bahn, S-Bahn, Citystreife und Diskotheken erforderlich. Die Sachkunde umfasste neben der Unterrichtung auch eine Prüfung im Multiple-Choice-Verfahren. Damit wurde erstmals gewährleistet, dass nicht jeder eine Bescheinigung über die Sachkunde erhält. Die Ausbildungsqualität wurde dadurch gesteigert.

Die Prüfung zur Geprüften Werkschutzfachkraft sollte 2005 auslaufen. Stattdessen wollte man eine Qualifizierungsmöglichkeit für Quereinsteiger schaffen. 2006 entschied man sich die Prüfung zur Geprüften Schutz- und Sicherheitskraft einzuführen. Damit wollte man ehemaligen Polizisten und Bundeswehrsoldaten sowie Quereinsteigern eine qualitative Ausbildungsmöglichkeit bieten. Die Prüfung zum Geprüften Werkschutzmeister IHK wurde durch den Meister für Schutz und Sicherheit ersetzt.

Mein Einsatz am Oktoberfest

Im Jahr 2003 verrichtete ich meinen Dienst das erste Mal an einer Großveranstaltung, dem Oktoberfest in München. Ich wollte etwas Neues erleben und neue Erfahrung zusätzlich zu meiner Tätigkeit im Objektschutz sammeln. Auch wollte ich mir etwas dazuverdienen. Also entschied ich mich für das Oktoberfest München. Für zwei Wochen war ich in einem Festzelt in einer etwa 50-köpfigen Sicherheitsmannschaft. Was ich dort gesehen und welche Erfahrungen ich gemacht habe, unterscheiden sich gravierend von dem, was ich bis dato im Objektschutz sah.

Das Oktoberfest mit seinen unzähligen Massenströmen von Besuchern aus aller Welt ist ein anderes Kaliber als ein Büroobjekt. Ich stand an einem der Versorgungskorridore und am Haupteingang. Die Probleme tauchten fast immer abends auf, parallel mit dem Anstieg des Alkoholpegels. Man konnte durchschnittlich zwei tätliche Auseinandersetzungen (Schlägereien) pro Tag verzeichnen. Dazu mehr als 20 Hausverbote und über 50 mündliche Verwarnungen. An den Wochenenden war die Mannschaft komplett ausgelastet und an ihre Höchstleistung getrieben. Am ersten Oktoberfesttag der, traditionell ein Samstag ist, fängt der Dienst um acht Uhr an.

Um neun Uhr wird das Zelt geöffnet und die Musik spielt bis etwa 22:30 Uhr. Danach beginnt der schwierigste Teil des Tages, die verbliebenen Gäste herauszubekommen. Denn auch wenn die Musik aufhört, die meisten bleiben im Zelt und feiern einfach weiter. Viele Gäste reagieren uneinsichtig und fangen an zu diskutieren. Manche sind dermaßen alkoholisiert, dass sie gar nicht aufstehen können und somit herausgetragen werden müssen. Beim Räumen passieren auch die meisten Auseinandersetzungen und die übelsten Beschimpfungen.

Leider gibt es Kollegen, denen der Begriff Verhältnismäßigkeit vollkommen fremd ist. Manche schießen wirklich mit Kanonen auf Spatzen. Manche reagieren auf Beleidigungen mit purer Gewalt und schmeißen den Gast auf brutale Art und Weise raus. Auf der anderen Seite jedoch, gibt es Gäste, die es geradezu darauf anlegen, die Security zu provozieren. Es fallen nicht selten Beschimpfungen wie: „Was willst du, du Hilfspolizist, hast ja eh‘ keine Befugnisse.“ Im Grunde sagt ein solches Verhalten natürlich mehr als genug über den Gast aus als über den Sicherheitskollegen.

Ich beendete meinen Einsatz am Oktoberfest 2003 mit viel Erfahrung. Im Folgejahr war ich nochmals im selben Zelt beim selben Arbeitgeber als Security tätig.

Oktoberfest 2003: Privataufnahme Sladjan Lazic

Fortsetzung mit Teil III

Sladjan Lazic

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